Bad Urach. „Nachtwende“ heißt das diesjährige Adventsprogramm des Tübinger Kammerchors Vokalkunst. Am Samstag gastierte der Chor damit in der Stiftskirche.
Erst vor zwei Jahren wurde der ambitionierte „Tübinger Kammerchor Vokalkunst“ durch Daniel Radde gegründet und hat den hohen Anspruch, den sein Name verkörpert, schon eingelöst. Seine Konzerte finden viel Zuspruch, er trat im Rahmen der vorigen Herbstlichen Musiktage Bad Urach auf, und auch jetzt waren die Reihen im Kirchenschiff gefüllt.
Die vokale Qualität beruht – neben der so inspirierenden wie kundigen Leitung, versteht sich – zum einen auf der Herkunft der Mitglieder aus renommierten Chören des Landes, zum andern auf der professionellen Stimmbildung, der sie sich unterziehen. Das Programm „Nachtwende“ schlägt inhaltlich einen Bogen von der Erwartung im Advent über die Geburt und Menschwerdung Christi bis zum Gesang der Engel und präsentiert mehr oder weniger zeitgenössische A-cappella-Originalwerke für (mindestens) vierstimmigen gemischten Chor. Sie stammen von Komponisten aus aller Welt: Darius Lim aus Singapur, Gabriel Jackson aus England, John August Pamintuan von den Philippinen, der Este Arvo Pärt, Thomaskantor Erhard Mauersberger, der englischen Komponistin Judith Weir, der Däne Erling Pedersen, der Slowene Andrej Makor, Filmmusik-Komponist Paul Fincham, US-Chorleiter Barnum und Ivo Antognini aus der Schweiz. Entsprechend vielsprachig sind die Texte, sie stehen in Spanisch, Englisch und Latein. Ihre Tonsprache ist weitgehend traditionell, und sie bringt – im Rückbezug auf alte Vorbilder und ohne verfremdende Techniken – den menschlichen Chorklang in natürlicher Weise zur Geltung, wobei der Kirchenhall meist mitgedacht ist und die Stimmen akustisch trägt.
Komponisten aus aller Welt
Das gedruckte Programm enthält sämtliche Texte samt Übersetzung, allerdings zum Bedauern der Konzertbesucher keine Informationen über den engagierten und verdienten Chorleiter Daniel Radde, einen „Hiesigen“ und Absolventen der Uni Tübingen. Moderiert wird von einem der Choristen: „Die Nachtwende richtet den Blick und das Ohr auf das göttliche Geheimnis, das im Dunkel geboren wird“; er zitiert Bibelstellen und bittet, erst am Schluss zu applaudieren.
Die acht Frauen und zehn Männer in Schwarz auf dem Podest sind hochkonzentriert und Auge und Ohr für die präzisen Gesten des Dirigenten. Der Auftakt mit Lims „Fire of Hope“ wird mit leiser Stimme behutsam, lupenrein und minutiös durchgestaltet, jeder Ton und jedes Wort deutlich artikuliert, zart züngeln die „Feuer in unseren Herzen“. Filigrane Ornamente und geflüsterte Worte lenken das Ohr auf die Bedeutungstiefe in „O clavis David“. Wie ein stilles, gesungenes Gebet erklingt „Alma de Cristo“, in dem die Soprane sich makellos in überirdisch weite Höhen abheben; wie eine reine, himmlische Harmonie auf einen gemeinsamen Atem Arvo Pärts „Morning Star“ und Mauersbergers bestechend phrasierte „Weihnacht“.
Publikum belohnt mit Applaus
Hier kann man hören, wie diesem Chor die ganzheitliche Aussage gelingt: Dadurch, dass alle durchweg in leisen Nuancen singen, trägt der Atem über ungewöhnlich weite Distanzen und ermöglicht eine selten zu hörende, bewusst gestaltete Kontinuität der Phrasierung, sodass jedes Lied, jeder Text zu einer bruchlosen poetischen Einheit wird. Dieser durchgängig verwendete, zutiefst verinnerlichte Stil entspricht dem Gehalt der weiteren sakral getönten Werke, etwa „O magnum mysterium“ von Andrej Makor, das – von zarten Zimbelklängen untermalt – ein uraltes Geheimnis andeutet. Weniger den zwei eher weltlichen und vom Jazz inspirierten Stücke „Ring the Bells“ und „Carol of the Angels“; diese könnte man direkter und diesseitiger gestalten.
Der künstlerische Höhepunkt steht am Ende: die neunstimmige Gloria-Vertonung von Ivo Antognini, die mit komplexen Rhythmen, herben Akkorden und himmlischen Höhen Vokalkunst und Andacht in überzeugende Weise zur Deckung bringt. Die achtzehn Choristen halten dem hohen Anspruch bis zum Schlusston konzentriert und mit homogenem, reinem Gesamtklang stand – und das Publikum in andächtiger Aufmerksamkeit. Für den anhaltenden Applaus dankt der Kammerchor Vokalkunst Tübingen unter Daniel Radde mit einer beschwingten Zugabe.
Quelle: Dr. Susanne Eckstein, Südwest Presse, Bad Urach, 30. November 2025