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Aller­neu­ste Welt- Musik

Tübingen. Ausverkauft: Der Kammerchor „Vokalkunst“ gab sein traditionelles Adventskonzert im Tübinger Silchersaal.

Über 200 Zuhörer im restlos ausverkauften Silchersaal des Museums. Für das zahlreiche Vokalkunst-Fanpublikum ist das alljährliche, nunmehr bereits dritte Adventskonzert ein besonderes Highlight. Mikrodynamisch hochdifferenzierte A-cappella-Klänge: Um alle Nuancen optimal hörbar zu machen, wurden die Zuhörer am Einlass gebeten, ihre (schall­schluckenden) Jacken und Schals an der Garderobe abzugeben. Zu Beginn dann die Bitte, sich während des Konzerts möglichst wenig zu bewegen, damit das Parkett nicht knarzt. Der Kammerchor – neun Frauen- und neun Männerstimmen – und sein Leiter Daniel Radde haben sich auf neueste und allerneueste internationale Chormusik spezialisiert, findig recherchiert im unerschöpflichen Internet-Fundus. Am zweiten Adventssonntag elf zeitgenössische Werke, darunter wieder manche regionale Erstaufführung: etwa ein „Gloria“ von Ivo Antognini, Eric William Barnums „Carol of the Angels“ oder Gabriel Jacksons „O Clavis David“. Der älteste Komponist im Programm „Nachtwende“ war der 1982 verstorbene Thomaskantor Erhard Mauersberger („Weihnacht“ mit feierlich leuchtenden Dur-Rückungen).

Darius Lims „Fire of Hope“ zauberte ein kleines Weihnachtswunder herbei, in anschwellendem messa di voce: ein Lichtstrahl in der Dunkelheit, mit kunstvollem subito piano und heftig aufstampfendem Schluss-Knalleffekt. Zu Andrej Makors „O Magnum Mysterium“ wiederum wurden Zimbelglöckchen geläutet. Durch Judith Weirs „Ave Regina“ wehte ein ätherischer Hauch mit seidigem Faltenwurf. In John August Pamintuans mystischem „Alma de Cristo“ (2004 auf den Philippinen komponiert) schoben sich Sekundreibungen leise beschwörend vor und aufwärts und gipfelten in einer ekstatisch gleißenden Klangkuppel.

Am schönsten und eindrucksvollsten Arvo Pärts „Morning Star“ (2007): ein nächtlicher Sternenhimmel aus leise getupften Tonschritten, mit drängenden Bassschüben; immer dichter und immer heller werdend.

Ein Großteil der Stücke war einander recht ähnlich in Stimmung, Gestus und Klangästhetik: neotonal in durchscheinend schönen, weichgezeichnet schimmernden Dur- und Moll-Tonarten, konfliktlos und leicht zugänglich, mit funkelnden Reizdissonanzen und effektbewussten Steigerungen. Poppig bunt und zuckersüß Paul Finchams „Ring the Bells“. Für den begeisterten Applaus bedankte sich Vokalkunst mit „We wish you a merry Christmas“. Wohl der fleißigste Tübinger Kammerchor: Fürs kommende Jahr sind wieder so gut wie jeden Monat (teils sogar mehrere) Auftritte geplant. Immer wieder mit neuem Repertoire.

Quelle: Dr. Achim Stricker, Schwäbisches Tagblatt, Tübingen, 09. Dezember 2025